England / Schottland 2021
Impressionen eines Umgesiedelten: Ein Jahrzehnt später ...
Vorbemerkung der Red.: Es ist tatsächlich sage und schreibe
bereits 10 Jahre her, seit dem unser seinerzeit übersiedelter Autor
Karsten Franke über seine Erlebnisse und die ersten Eindrücke
in der neuen Heimat berichtet hat. In der Zwischenzeit ist viel
passiert, er hat mittlerweile auch die britische Staatsbürgerschaft
und wie damals auch heute wieder viel zu berichten!
Citizens of Nowhere
Für
Großbritannien und den Rest der Welt war der Ausgang des Brexit-Referendums im Jahr 2016 eine echte Überraschung: Selbst die auf
einen EU-Austritt hoffenden "Leavers"
hatten nicht ernsthaft damit gerechnet und wahrscheinlich deshalb
auch keine Zeit damit verschwendet, sich auf Verhandlungen mit der
EU vorzubereiten oder gar intern zu definieren, wie dieser "Brexit"
eigentlich aussehen sollte. Gleichzeitig wurden viele "Remainers"
dagegen praktisch über Nacht zu "Europäern".
Nachdem sich - abgesehen von ein paar "Spinnern" - jahrzehntelang kaum jemand für die Vor- und Nachteile der EU-Mitgliedschaft interessiert hatte und Europa eigentlich erst südlich des Ärmelkanals begann, waren nun plötzlich weite Teile der Bevölkerung über den Verlust ihrer neu gefundenen europäischen Identität besorgt. Die Situation in den Monaten und Jahren nach dem Referendum könnte ähnlich wie in Ostdeutschland um 1960 vor dem Mauerbau gewesen sein: Etliche Leute, vor allem die mit Verbindungen zu EU-Staaten, sahen im neuen "System" keine Zukunft und planten ihre Ausreise, wie z.B. auch dieses deutsche Paar.
Der Höhepunkt dieser Entwicklung war, als Prime Minister Theresa May in einer Parteitagsrede im Oktober 2016 erklärte, dass man ein "citizen of nowhere" sei, also ein Bürger von "Nirgendwo", wenn man sich für einen "Weltbürger" halte: "If you believe you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere. You don't understand what citizenship means."
Tatsächlich war es aber Theresa May, die nicht verstand, was "citizenship" bedeutet, nämlich z.B. das Recht, in einem Land zu leben und zu arbeiten und damit auch die kürzere Schlange bei der Einreisekontrolle zu haben. Viele Briten erinnerten sich deshalb an ihre historischen Wurzeln in EU-Ländern, vor allem in Irland, und beantragten eine EU-Staatsbürgerschaft, um weiterhin visafrei in der EU leben und arbeiten zu können. Das Sprichwort "Luck of the Irish" vom irischen Glück bekam eine neue unerwartete Bedeutung. Mit einem irischen Pass kann man weiterhin in allen UK- und EU-Ländern leben und arbeiten ...
Für mich und viele
andere Einwanderer aus EU-Ländern waren die ersten Jahre nach dem
Referendum eine interessante Zeit: Ich hatte zwar keine echten
Sorgen, dass der Brexit mein Leben in UK ernsthaft komplizieren
würde, aber es war eine gute Gelegenheit, die britische
Staatsbürgerschaft zu beantragen!
Der ganze Prozess dauert etwa 6 bis 12 Monate und kostete in den letzten Jahren insgesamt etwa £ 3.500 sowie viel Zeit und Geduld. Immigration und "Naturalisierung", also die Einbürgerung, wird vom "Home Office" verwaltet, was nichts mit dem neusten Liebling der Deutschen in Corona-Zeiten zu tun hat, dem auf "Denglisch" getauften Heimarbeitsplatz.
Das Home
Office (Innenministerium) hier ist dagegen eine britische Behörde,
die vor allem für herausragende Inkompetenz bekannt ist, vor
allem in der Führungsebene. Theresa May verantwortete als Home Secretary
(Innenministerin) die
"Hostile Environment" Initiative,
die zur illegalen Abschiebung von hunderten legalen
Einwanderern, dem
Windrush Skandal
führte,
und schließlich zum Rücktritt der amtierenden Ministerin. Dies war allerdings die
unglückliche Nachfolgerin Amber Rudd, die zurücktreten musste,
während Theresa May ihre Inkompetenz als Premierministerin auf einer
größeren und internationalen Bühne unter Beweis stellen konnte.
Visa und Einbürgerungen sind für das Home Office eine wichtige Einnahmequelle und die Preise sind deutlich höher als die Kosten. Jeder Antrag bringt hunderte Pfund ein.
Man muss auch aufpassen, dass man keine größeren Fehler macht, weil
sonst die Gefahr besteht, dass der Antrag abgelehnt wird und man
die Gebühr mehrfach bezahlen muss. Wer sichergehen will und es
sich leisten kann, überlässt den Papierkram mit dem Home Office einem
spezialisierten Anwalt. Ansonsten gibt es auch etliche
Selbsthilfegruppen, in denen
man kostenlos Rat suchen kann. Ich entschied mich dazu, es auf die
harte Tour, also ohne irgendwelche Hilfe zu versuchen und hatte
keine ernsthaften Probleme ...
Wer mindestens 5 Jahre lang legal im
UK gelebt und gearbeitet hat, sollte ebenfalls keine Probleme haben. Am
besten geht man das Ganze wie ein Computerspiel an: Der gesamte
Prozess ist eine bürokratische Aufnahmezeremonie, in der der
Neubürger zeigen muss, dass er es ernst meint und ein wenig leiden
kann. Zum Glück muss man dabei wenigstens keine Würmer essen und oder nackt um den
Block rennen ...
Der erste Schritt war, ein "Indefinite Leave to Remain (ILR)" zu erlangen, die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Dazu muss man auf der Webseite vom Home Office ein Formular ausfüllen und nachweisen, dass man 5 Jahre legal in Großbritannien gelebt hat. Außerdem muss man noch eine Gebühr bezahlen. Angenehm ist, dass man alles bequem von zu Hause aus erledigen kann. Ich musste zusätzlich meinen EU-Pass zusammen mit der Geburtsurkunde und ein paar anderen Dokumenten zum Home Office schicken. Meinen Pass erhielt ich nach einer Woche zurück und das ILR wurde mir ein paar Wochen später erteilt. Falls man dieses erhalten hat, muss man normalerweise noch ein weiteres Jahr warten, bevor man die Naturalisierung beantragen kann. Mein ILR wurde allerdings aufgrund meines bereits siebenjährigen Aufenthalts im UK vom Home Office ungefragt zurückdatiert und so konnte ich direkt die Naturalisierung beantragen.
Vor der Beantragung dieser Naturalisierung muss man den "Life in the UK Test"
bestehen, einen Multiple Choice Test mit 24 Fragen zu Geschichte,
Politik, Kultur und Sport im UK. Der ehemalige Innenminister Sajid Javid
bezeichnete den Test zu Recht als ein "Pub Quiz": Pub Quizzes sind bekanntlich ein essentieller Teil der britischen Kultur
und das Home Office will natürlich sicher sein, dass der
Neubürger sich problemlos in die Gesellschaft integrieren kann.
Nach zwei Wochen Vorbereitung war ich soweit und bestand den Test
ohne Probleme ...
Allerdings scheint es etliche "Möchtegern-Briten" zu geben die den Test zu schwer finden: Über die Jahre gab es etliche Betrugsfälle, in denen Leute bis zu £ 2.000 an korrupte Mitarbeiter in Test Centern gezahlt haben, um zu bestehen.
Der nächste
Test ist ein Englisch Test, wenn man nicht bereits eine anerkannte
Qualifikation hat. Das Home Office akzeptiert heutzutage nur noch
wenige English Tests von "Secure Test Centres", weil es auch hier
in der Vergangenheit viel Betrug gab. Mein "Cambridge Certificate
in Advanced English", gut genug um an einer UK-Universität zu
studieren, wurde nicht anerkannt und so musste ich einen weiteren
Test in einem der vom Home Office autorisierten "Hochsicherheits-Testzentren" bestehen. Diese Testzentren werden von privaten Anbietern
betrieben, wie z.B. vom
Trinity
College London.
Für jemanden, der English spricht, sollte der Test keine große Herausforderung darstellen: Das Testniveau ist ein relativ niedriger B1-Level und der Test ist nur ein zehnminütiges Gespräch, in dem man sogar entscheiden darf, worüber man in den ersten fünf Minuten spricht ...
Vor dem Betreten des Testraums muss man alle Taschen
leeren, Uhren abnehmen und seine sämtlichen Sachen in einem Spind
einsperren. Anschließend wird die Identität geprüft und man muss
von 1 bis 10 in ein Mikrofon zählen - vermutlich, damit man die
Stimme hinterher mit der Aufnahme des Test vergleichen kann.
Anschließend hat man dann eine lockere Unterhaltung mit dem Prüfer.
Nachdem ich das Thema frei wählen durfte, entschied ich mich in den
ersten fünf Minuten über all die schwachsinnigen Regeln des Home
Office herzuziehen; wie idiotisch es ist, wenn Leute ihre Taschen
ausräumen müssen für einen mündlichen Test, wie paranoid die
Leute beim Home Office sein müssen, wie hart es für die armen
Leute im Testzentrum sein muss, solchen Unfug umzusetzen, usw. Meine
Prüferin und ich verstanden uns gut und wir waren einer Meinung,
obwohl sie natürlich etwas diplomatischer wirkte ... die zehn Minuten
vergingen wie im Flug und ich bestand den Test ohne Probleme mit
einem A-Grade ...
Eine weitere kleine Hürde ist das "Biometric Enrolment", bei dem Fingerabdrücke und andere biometrische Daten erfasst werden. Ich konnte das relativ bequem in einem Post Office erledigen.
Die letzte Hürde, bevor man die Naturalisierung beantragen kann, sind Referenzen von zwei Personen: Eine Person muss ein britischer Bürger sein, die andere muss "professional standing" haben, z.B. ein Arzt, Rechtsanwalt, Lehrer oder Pfarrer sein. Beide Personen müssen ein Formular unterschreiben und bestätigen, dass sie den Antragsteller kennen und für Rückfragen vom Home Office zur Verfügung stehen. In meinem Fall wurde keiner der beiden kontaktiert ...
Wenn man all das
zusammen hat, muss man schließlich noch ein weiteres Formular auf der
Webseite des Home Office
ausfüllen, eine weitere Gebühr zahlen und anschließend wieder seinen
Ausweis, die Geburtsurkunde und all die Testergebnisse zum Home Office
schicken. Nach zwei Monaten erhielt ich den positiven Bescheid!
Der letzte Schritt ist dann aber noch die Einbürgerungszeremonie: Man hat die
Wahl zwischen einer öffentlichen Zeremonie mit etlichen anderen
Neubürgern oder einer privaten Zeremonie. Ich entschied mich für
die private Zeremonie in unserem Standesamt. In der Zeremonie
musste ich mit dem "Oath of Allegiance"
meine Loyalität zum UK-Wertesystem und zum Königshaus schwören.
Anschließend erhielt ich auch meine Einbürgerungsurkunde ...
Mit der Urkunde konnte ich nun endlich einen UK-Pass beantragen und erhielt diesen ein paar Wochen später. Die Belohnung für all die Mühen der Naturalisierung ist das folgende Statement auf der Innenseite des Passes: "Her Britannic Majesty's Secretary of State Requests and requires in the Name of Her Majesty all those whom it may concern to allow the bearer to pass freely without let and hindrance, and to afford the bearer such assistance and protection as may be necessary", was bedeutet: "Der Staatssekretär Ihrer Britischen Majestät ersucht und fordert im Namen Ihrer Majestät alle auf, die es betreffen könnte, dem Inhaber ungehinderten Durchgang zu gestatten und ihm nach Bedarf Unterstützung und Schutz zu gewähren."
Theresa May ist schon lange
wieder von der Bildfläche verschwunden, aber ich genieße
weiterhin mein Leben als "Citizen of Nowhere" in Schottland und kann
mit meinem UK- und EU-Pass weiterhin leben und arbeiten wo ich
will. Ich hatte zwar nicht das "Luck of an Irish", aber mit "hard
work and Teutonic determination" erreicht man manchmal eben auch
etwas ...
Tausende Briten mit nur einem Pass haben es schwerer und
können plötzlich nicht mehr legal mehr als 90 Tage
in ihrem
Ferienhaus in Spanien leben
oder müssen Einbürgerungshürdenläufe in EU-Ländern überstehen.
Ein prominentes Beispiel ist Stanley Johnson, der Vater vom
Premier Boris
Johnson, der vor einiger Zeit
die französische
Staatsbürgerschaft beantragt hat ...
Vermutlich wird es ein paar Jahre dauern, bis das UK und die EU sich
wieder etwas annähern. Interessanterweise scheint der Brexit alles in
allem die EU Staaten mehr vereint zu haben, während das UK mehr und
mehr gespalten ist. Viele erwarten, dass sich Nordirland in den
nächsten 10 - 20 Jahren
mit der Republik im Süden vereint und die
schottische Regierung plant bereits das nächste Unabhängigkeits-Referendum und will, dass Schottland wieder ein EU-Mitglied wird.
Dass das zu einer harten Grenze mit England führen würde und
extrem kostspielig wäre, scheint Befürworter nicht abzuschrecken.
Aktuelle Umfragen zeigen, dass etwas weniger als die Hälfte der
schottischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmen würde. Es bleibt
abzuwarten, ob tatsächlich genug Leute bereit sind, für Unabhängigkeit
zu stimmen, wenn klar wird, wie teuer das werden würde. Die nächsten
Jahre werden es zeigen und einen echten "Bürger von Nirgendwo"
interessiert das Ganze natürlich relativ wenig. Ein weiterer Pass
ist schließlich immer willkommen und zur Not muss man eben die
Firma und/oder sich selbst in ein anderes Land verlagern ...
© 2021 Karsten Franke
Nachtrag der Red. zum "Citizen of Nowhere" ...
Lieber Karsten, danke für deinen sehr informativen Einblick in das Verfahren, "Citizen of Nowhere" zu werden! Wie bereits bei deinen einleitenden Worten zu Beginn unseres Beitrags zum möglichen Ende der Euro-Tour vor einem Jahrzehnt sprichst du uns mit vielen Einschätzungen auch diesmal aus dem Herzen. Und in der Tat: Die Verlockung eines zweiten Passes wird in diesen Zeiten immer größer ...
Mittlerweíle stellt sich
allerdings für den
überzeugten "Citizen of Nowhere" wirklich die Frage, ob
dieser zweite Pass nicht eher ein geeigneter
"außereuropäischer" sein sollte - nun denn!
Um den Neid auf deine aktuelle doppelte Staatsbürgerschaft aber
nicht zu groß werden zu lassen, sollte man jedoch auch
deine nachfolgende Mail kennen, die uns hier ein wenig tröstet!
Und ebenfalls zu deiner Mail: Unsere NZ-Tour war
vielleicht in dem Sinne eine "harte Tour", als dass sie gezeigt hat, was man
möglicherweise bereits viel früher hätte anders
machen sollen ...
Ich habe mir auch den Neuseeland Bericht durchgelesen: Muss eine echt harte Tour gewesen sein mit all dem Mietcamper Ärger und rasenden Truckern. Viele Beschreibungen erinnern mich ein wenig an die schottischen Highlands. Vor allem die Wohnmobile, die dort überall den Verkehr aufhalten, haben wir hier auch. Und egal wo man hingeht, trifft man deutsche Touristen ...
Zur Zeit werden wir hier aber von Engländern überrannt, die normalerweise in Spanien Urlaub machen würden, aber wegen Covid alle nach Schottland kommen. Auf jedem Parkplatz sieht man jetzt diese New Age Travellers mit ihren Womos und Transit Vans. Die Lockdowns hatten auch ihre Vorteile. Zumindest war kaum Verkehr auf den Straßen, weil die Leute in Edinburgh die Stadt nicht verlassen durften ...
Ich habe vor ein paar Tagen meine erste Impfung erhalten. War
allerdings Moderna. Für AstraZeneca bin ich anscheinend immer noch
zu jung. Bis jetzt habe ich mich noch nicht in eine Eidechse oder
Bill Gates Sklaven verwandelt, aber ich habe gehört, dass die
Verwandlung erst nach der 2. Dosis stattfindet. Bin gespannt ...
Schönes Wochenende und viele Grüße aus der englischen
Urlaubskolonie
Karsten
Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Karsten finden sich in unserer Autorenübersicht!